SCHWEIZ 2018


Das ist es. Meine erste Motorradreise

 

Am 13. März 2018 sollte es soweit sein. Ich startete zu meiner ersten Motorradreise überhaupt. Seit dem 30. Januar 2018 war ich nun Motorradfahrer auf meiner Honda Africa Twin und ich liebte es (und tu es noch). Diese Reise sollte mein Leben verändern. Doch dazu später mehr. 

 

Bereits am Tag davor bereitete ich alles vor. Natürlich war ich aufgeregt. Das blaue L war fest montiert, die Koffer mit allem möglichen Kram den ich nicht brauchte gepackt und der Packsack fest am Heck verschnürt. Ich hatte etwas bedenken, weil ich ja Fahranfänger war und nun die Maschine bis zu Maximum beladen war. Wie die Autowaage am nächsten Tag bestätigten sollte war das Motorrad 330 Kilogramm schwer. Mit mir als Fahrer (und ich bin nicht sehr leicht) war ich leicht über der zulässigen Gesamtmasse. Das sollte lustig werden. 

Der 13. März startete kalt und regnerisch. Aber das kümmerte mich nicht weiter. Ich wollte endlich los. Warum das Reisen so einen Reiz hat merkte ich bereits nach den ersten Metern. Dieses Gefühl von Freiheit, immer der Nase nach ohne Plan und Ziel. Auch wenn ich hier und da ein Ziel hatte war ich frei und konnte tun und lassen was ich will. 

 

Ich startete von St. Gallen nach Osten Richtung Bodensee. Arbon sollte mein erster Zwischenhalt sein. Ich hatte ja keine Ahnung wie lange man immer unterwegs ist und wo man Zwischenstopps einlegt. Ich wollte zunächst an den Orten vorbei fahren die mich in den letzten Jahren immer wieder begleitet hatten. Das war die Ostschweiz und die Nordwestschweiz. Nach 20 Minuten Fahrt erreichte ich den Hafen Arbon. Ich machte ein Foto und merkte, dass ich echt noch nicht weit weg von zuhause war. Also schnell weiter. Mist ich hab den Dreh noch nicht so raus...

Also entschied ich mich direkt nach Stein am Rhein zu fahren. Diese Stadt gehört wohl zu den ältesten ganz Europas und ich war noch nie dort. Das Wetter war nicht das beste aber ich war ja gerade erst seit ein paar Stunden unterwegs. Entlang des Bodensees ging es zu dem kleinen Städtchen am Rhein. Nachdem ich einen Parkplatz gefunden hatte und mich in einem kleinen Restaurant verpflegt hatte schlenderte ich durch die Stadt. Die alten Häuser beeindrucken mit ihren grossartigen Bemalungen, die nur erahnen lassen welch schöne Stadt dies einmal war. Sie ist heute auch noch sehr schön im Vergleich zu anderen europäischen Städten, jedoch scheint es als hätte die Altstadt ihren Charme etwas verloren. Jedoch ist es spannend durch die kleinen Nebengassen zu schleichen und die kleinen Besonderheiten einer Jahrhunderten alten Altstadt zu entdecken. 

Mein Vater kommt aus Worms am Rhein, studiert hat er in Mainz am Rhein. Mein Bruder studiert in Mainz am Rhein. Ich wohnte in Bad Säckingen am Rhein. Nun wohne ich in der Ostschweiz .. warte .. am Rhein. Ohne Zweifel war der Rhein ein Fluss welcher mich schon mein ganzes Leben begleitet hat. Nun wollte ich auch an den Rheinfall nach Schaffhausen. Ich dachte immer an ein kleines Rinnsal welches die Felsen herunter tropft. Das der Rheinfall aber eher die europäischen Niagara Fälle sind dachte ich nicht. Steht man auf der unteren kleinen Aussichtsplattform fühlt man sich klein. Sehr klein. Schwach und hilflos. Diese enormen Wassermassen welche hier mit einer unaufhaltsamen Macht und ohrenbetäubendem Rauschen hinabstürzen lassen wecken in mir zwiespältige Gefühle. Zum einen waren sie furchteinflössend zum anderen jedoch extrem faszinierend. Nachdem mich der anhaltende Sprühnebel nass gemacht hatte beschloss ich mich fotografieren zu lassen und weiter nach Westen zu fahren.

Es regnete den ganzen Tag, weshalb ich froh war am Nachmittag an meinem Tagesziel angekommen zu sein. Ein kleiner Bauernhof in der Nähe von Aarau bot mir nach unverbindlicher Anfrage an, mein Zelt auf dem Hof aufzuschlagen. Unter einem kleinen Pavillon hatte ich sogar eintrockenes Plätzchen für mein Abendessen. Ungewohnt - Auf Motorradreisen mit Zelt wird man sehr früh müde. Bereits um 20 Uhr lag ich in meinem Schlafsack und versank in das Land der Träume. 

Plötzlich wurde es warm im Zelt. Die Sonne war aufgegangen und strahlte direkt aufs Zelt. Ich öffnete den Reissverschluss und es eröffnete sich ein wunderbarer Blick ins Tal. Die Sonnenstrahlen welche sich im Nebel spiegelten schufen eine schon fast apokalyptische Stimmung, als wäre ich der einzige Überlebende nach einem Atomangriff. Eine willkommene Abwechslung nach dem vorangegangenem sehr nassen Tag. Mein Frühstück wurde genauestens vom Hund des Bauern unter die Lupe genommen und für sehr schmackhaft befunden. Dennoch bekam er nichts ab. 

Nachdem ich meine Ausrüstung säuberlich auf der Africa Twin verstaut hatte machte ich mich weiter auf den Weg nach Westen. Das nächste Ziel sollte Basel sein. Die Stadt .. warte .. am Rhein. Das Wetter wurde immer besser und die Sonne heizte die Luft auf gute 25°C auf. Perfektes Motorrad Wetter. Doch dann die nächste Ernüchterung. Die Autobahn Richtung Basel war nach einem schweren Lastwagen-Unfall komplett gesperrt und damit waren auch alle Landstrassen völlig verstopft. Da mein Motorrad mit Koffern relativ breit war konnte ich mich nicht an den Autos vorbeischlängeln. Mal ganz von der Tatsachen abgesehen, dass das auch die Polizei in der Schweiz nicht gerne sieht und ich nach wie vor mit dem blauen L unterwegs war. Ich entschied mich Basel auszulassen und ins Jura nach Süden zu flüchten. Eine super Entscheidung. 

Die drei Stunden Stau an diesem Tag und der Regen am ersten Tag hatten mich ausgelaugt. Ich war müde und entschied mich mein Tagesziel anzufahren. Ein kleiner Bauernhof bei Porrentruy nahe der französischen Grenze. Speziell in der Schweiz sind die extremen Sprachgrenzen. Fährt man von Basel Richtung Genf so ändert sich die gesprochene Sprache von Deutsch auf Französisch zwischen zwei Dörfern. Und damit auch die Verkehrsschilder. 

 

Der kleine Bauernhof in Porrentruy war super. Ein super freundlicher Gastgeber, welcher mich mit allem nötigen versorgte und mir die gesamte Wiese zur Verfügung stellte, da eh keine anderen Gäste da waren. Nach einer kleinen Offroadstrecke zur Wiese (meine Erste überhaupt!) schlug ich mein Zelt auf, machte mir Abendessen und schlummerte wie schon am Abend davor bereits um 19:30 Uhr ein. 

Am nächsten Morgen brach ich bereits früh auf. Um 6.30 Uhr war meine Ausrüstung bereits gepackt und verzurrt. Ich wollte ans Creux-du-Van. Auch bekannt als der Schweizer Grand Canyon. Doch leider wurde meine Erwartung nicht erfüllt. Die Wolkendecke hatte sich zu einem Hochnebelfeld abgehängt und hüllte den Berg gänzlich in ein undurchdringbares Weiss. Ich tourte also kreuz und quer durch die Westschweiz. Ziel war das Wallis. Oberhalb von Martigny gab es ein kleine Dorf in den Bergen. Ich war hier vor zwei Jahren bereits und wollte unbedingt wieder an diesen wunderbaren Ort. Doch zuerst ging es wieder zurück nach Osten zum Vierwaldstätter See. Warum ich so kreuz und quer durch die Schweiz fahre? Ich wollte jeden Fleck der Schweiz sehen und fuhr einfach der Nase nach. 

 

Vorbei am Vierwaldstätter See immer weiter Richtung Osten bis ich schliesslich wieder an der im Osten gelegenen Grenze ankam. Ich wollte in das Engadin. Über die grossen Pässe. Doch ich rechnete wieder nicht mit dem Wetter. Dass es schwierig werden wird im März die Pässe zu fahren wusste ich. Jedoch lag auch nun im Engadiner Tal in St. Moritz mehr als 70 Zentimeter Schnee auf den Strassen und der Verkehr ist nahezu zum erliegen gekommen. Das konnte ich mit dem Motorrad nicht wagen. Also weiter nach Süden ins Tessin. So langsam war es mir doch zu kalt geworden. 

Ich vergass mich regelrecht und fuhr und fuhr. Kaum Pausen sollten mir später zum Verhängnis werden und Fotos habe ich leider auch nicht viele gemacht. Mittlerweile hatten wir den 20. März. Ich war im Tessin und genoss die Sonne. Die italienisch sprechenden Schweizer bestaunten mein Bike und sprachen mich ständig an. Aber das war mir egal. 

 

Eben dieser 20. März sollte mir länger im Gedächtnis bleiben. An diesem Tag legte ich erstmals eine Strecke zurück welche wohl durch drei Klimazonen führen sollte. Ich startete am Morgen in Lugano am Luganer See bei 16°C, blauem Himmel und Sonnenschein und machte mich auf den Weg nach Norden. Das heutige Tagesziel sollte nun endlich das Chalet im Wallis sein. Die Tagesetappe war 290 Kilometer lang und sollte mich quer durch die Alpen führen. Kurz vor dem Gotthardtunnel auf rund 1144 Meter wurde es dann doch frisch mit 5°C und immer noch blauem Himmel. Fahr durch den Gotthardtunnel haben sie gesagt, da ist es warm haben sie gesagt. Sie hatten nicht unrecht. Aber ich warm eingepackt wie für eine Polarexpedition und die knapp 32°C im Tunnel wurden in den Thermobekleidung über die 16.9 Kilometer dann doch ziemlich warm und fast unerträglich. Ich wollte nur schnell wieder raus und freute mich schon auf den kühlen und sonnigen Ausgang. Kühl war es nicht, eher kalt mit -10°C und von sonnig konnte auch keine Rede sein. Geschneit hat es und dass 16.9 Kilometer nachdem es noch angenehm frisch und sonnig gewesen war. Der Berg musste eine Wolke auf dem Weg nach Süden aufgehalten haben, welche nun ihre gesamte Wassermenge in Schnee am Nordportal ablud. Naja es half alles nichts und ich konnte ja nicht wieder umdrehen. Da ich eh weiter in das Wallis wollte musste ich von der Autobahn runter und weiter nach Realp zum Furkaverlad. Der Furkaverlad war ein Autozug welcher die Autofahrer unter dem Berg ins Wallis brachte, da die Pässe wie jeden Winter gesperrt waren. Realp lag aber auf über 1500 Meter noch über etwas weiter oben und es war nicht abzusehen, dass das Wetter dort oben besser werden würde. So kämpfte ich mich Kurve um Kurve mit beiden Beinen auf dem Boden durch den Schnee den Pass hinauf bis zur Verladestation. Die Leute sahen um diese Jahreszeit wohl nicht viel Motorräder und staunten entsprechend etwas sehr aufdringlich. Im Bahnhofscafe Realp wärmte ich mich auf und wartete auf den Zug. Ich kannte solche Autozüge schon von meinen Urlauben auf Sylt, hatte aber noch nie einen mit dem Motorrad benutzt. Mir graute es vor der Vorstellung, dass ich auf dem offenen Zug durch einen kalten Tunnel verharren muss. Das würde ziemlich kalt werden. Ich fühlte mich jedoch etwas dumm und dennoch erleichtert, als ich als erster auf den Zug in ein kleines Motorrad Abteil gewunken wurde. Direkt im ersten Waggon beim Zugführer konnte ich mich nicht nur während der Fahrt weiter aufwärmen, sondern endlich schmolzen auch die Eiszapfen an meiner Maschine ab und meine Africa Twin schien es auch gut zu tun etwas warme Luft zu bekommen. Während der fahrt durch den Tunnel verriet mir der Lokführer, dass ich mir keine Sorgen machen müsste, denn das Wetter im Wallis sein wesentlich besser und siehe da bei der Ankunft in Oberwald konnte ich es nicht fassen. 10°C PLUS und ein föhniger Wind bliess mir um die Nase. Was eine Erleichterung und dennoch war ich hochfasziniert vom Phänomen Wetter, welches so abgegrenzte Zonen bilden konnte. 

Nach einer zügigen Fahrt durch das östliche Wallis erreichte ich Martigny und fuhr weiter in die Berge. Das kleine Chalet lag weit hinten in dem Dorf Le Trétien und die letzten Meter waren nur zu Fuss erreichbar. Kein Verkehr, keine Menschenmassen, das Knistern des Feuers im Kamin. Das ist meine Welt. Ruhe. Ich beschloss bereits im Vorfeld bei der Buchung das ich hier wohl drei Tage bleiben werde. In dieser Zeit schaltete ich alle meine Geräte ab.

 

Nach drei Tagen der Entspannung sollte sich meine Tour jedoch bereits dem Ende zu wenden. Da ich nicht bis in den äussersten Osten kommen konnte aufgrund des Wetters im Engadin, so wollte ich wenigstens noch in den äussersten Westen nach Genf. Entlang des Genfer Sees mit wundervollem Wetter war meine letzte Station die wunderbare Stadt Genf. 

Der Heimweg schmerzte und das war das erste Mal, dass ich diese Gefühl von Fernweh spürte. Ich wollte nicht nach Hause. Ich wollte weiter weg. Die Welt entdecken und fremde Länder kennen lernen. Es war der Startschuss für meine Reisekarriere und sollte mein Leben verändern. 

 

Jedoch nicht nur im Guten denn durch die wenigen Pausen hatte ich nun Wadenschmerzen. 

 

Ich war wieder zuhause.

 

Liess hier weiter was geschah.